Auszug aus "A Universe from Something"

 

 

Die Größte Täuschung ist keineswegs die größte Enttäuschung unseres Lebens. Denn das, was uns täuscht, macht unser Leben keineswegs schlechter, sondern farbenfroher.

Ich erinnere mich an den Goldfisch im Wasserglas. Dieses Beispiel wird gern verwendet, um aufzuzeigen, wie ein Lebewesen dauergetäuscht sein kann. Der Fisch, der tagtäglich im Glas schwimmt, hat nie etwas anderes wahrgenommen als den Blick aus der gekrümmten Glasfläche, hinaus in die Welt, die wir selbst als real bezeichnen würden.

Der Goldfisch ist an die optische Dichte des Wassers gewöhnt.

Bis zum Rand des Wasserglas‘ sieht er scharf, aber da sich in der kleinen Glaskugel nichts außer ihm selbst und dem Wasser befinden, nimmt er das, was sich außerhalb der Kugel befindet, verzerrt wahr, da die Glaskugel einen Linseneffekt erwirkt.

Die Realität des Goldfischs ist bestimmt von dem, was er wahrnimmt und deutet. Die Realität des Goldfischs ist nicht bestimmt von dem, was ihn umgibt. Denn es umgibt den Fisch das Wasser, die Glaswand und der optische Eindruck des darum Liegenden. Das Wasser kann er fühlen, die Glaswand ebenso, wenn er ab und zu dagegen schwimmt. Sein optischer Eindruck ist das, was wir Menschen als verzerrt bezeichnen würden. Der Goldfisch sieht mindestens nicht das, was wir Menschen sehen. Menschen bewegen sich in einem größeren Umfeld, außerhalb des Wasserglases. Unsere Optische Erkenntnis scheint höher zu sein als die des Goldfischs.

Wir Menschen nehmen an, dass unsere Sinneseindrücke nicht getäuscht sind. Ungetäuscht zu leben, haben wir schon immer vermutet, auch damals, als wir glaubten, die Erde sei eine Scheibe und über uns ein Sternenzelt, was sich um uns bewegt. Wir Menschen sind jedoch durchaus bereit, unsere Meinungen zu revidieren, wenn es neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt. Spätestens, als Neil Amstrong den ersten Schritt auf den Mond machte, war wohl klar, dass der Mond ein Trabant ist und sich um die Erde bewegt.

Der Mensch geht davon aus, dass die neueste, wissenschaftliche Erkenntnis so etwas wie die Wahrheit ist, obwohl die neueste wissenschaftliche Erkenntnis niemals wahr war. Unsere Sicht passen wir auf Erkenntnisse an, die wir als richtig erachten. Wir sehen das Universum so, wie es die Wissenschaft erklärt. Auch wenn es ca. 100 Milliarden Galaxien gibt, die wir nie gesehen haben, gehen wir davon aus, dass wir sie sehen würden, wenn wir an einen ganz anderen Punkt im Universum wären. Und es mag auch gut sein, dass das Universum so funktioniert, wie es die Wissenschaft beschreibt.

Also sind wir Menschen ja durchaus lernbereit. Wir sind bereit, eine neue Sicht auf die Dinge zu entwickeln, und dazu gibt es auch guten Grund, weil die Wissenschaft tugendhaft arbeitet: Sie zweifelt stetig an sich selbst, sie lässt Erkenntnisse erst zu, wenn sie in einem Versuch – oder besser vielen Versuchen – bestätigt worden sind.

Und genau vor diesem Hintergrund, dass wir Menschen die Tugend des Selbstzweifels haben, ist es ein unglaubliches Phänomen, dass der Mensch seit Tausenden von Jahren – bis in die hochtechnisierte Gegenwart reichend – einer unglaublich großen Täuschung unterliegt, diese genau genommen auch wissen müsste, sie aber komplett ausblendet.

Die Rede ist von der Täuschung der Farbe.

Auf der Welt gibt es derzeit circa 7,3 Milliarden Menschen, also ein Zehntel so viel, wie es Sterne in der Milchstraße gibt.

In fast allen Ländern gibt es eine mehr oder minder gute Schulbildung, und so viele Menschen sind klug und belesen, bis hin zu führenden, hochintelligenten Wissenschaftlern. Wir wandern durch die Natur, durch den Winter, der in so vielen Weißtönen daher kommt, wir machen unsere Spaziergänge durch den Frühling und erfreuen uns der Mannigfaltigkeit aller Farben, die es ebenso im Sommer gibt, und selbst im Herbst, wo sich das Leben in der Natur zur Ruhe setzt, gibt es womöglich die schönsten Farben, all diese Braun- und Gelbtöne, die gespickt in den Wäldern ein optisch warmes Meer bilden.

Und wenn wir uns die wunderschönen Farben der Natur beschauen, so merken wir nicht, dass wir einer extrem großen Täuschung unterliegen. Wir verbinden die Natur, die uns umgibt, mit substanzieller Farbe, mit Farbsubstanzen, die sich innerhalb von Objekten befinden. Und eines ist sicher:

Das kann nur komplett falsch sein.

Es bedarf keines Wissenschaftlers, zu erklären, dass Farbe eine Deutung von Lichtwellen ist, die in das menschliche Auge eintreten. Die Evolution auf unserem Planeten kennt neun verschiedenen Typen von Augen, diese funktionieren deutlich unterschiedlich, aber wenn ein Lebewesen Farbe empfinden kann, so hat es ausschließlich damit zu tun, dass hoch- oder niederfrequentierte Lichtwellen in das Auge eintreten, und dass diese im Gehirn verarbeitet und gedeutet werden.

Das Witzige ist, dass diese Binsenweisheit auch praktisch jeder Mensch - vor allem der Wissenschaftler - weiß. Dass Lichtwellen die Farbe bewirken, wissen vielleicht so ca. 50%, also fast 4 Milliarden Menschen. Und trotzdem gehen Wissenschaftler am Wochenende mit ihrer Familie im Wald spazieren und erfreuen sich daran, dass es in der Natur so schöne Farben gibt.

Dass die Natur Auslöser für die schönen Farbeindrücke ist, sei ja unbestritten. Dass Licht, das von einer Tannennadel reflektiert wird, grün wirkt, ist aber in der Lichtwelle begründet und weist nicht darauf hin, dass sich in der Tannennadel substanziell das Grüne befindet. Und ich bin sicher, dass viele Menschen, die das hier lesen, erstaunt sind und sich denken, es wäre Stuss, was ich schreibe: Denn eine Tannennadel erscheint ja grün, und insbesondere, wenn die Tannennadel zweigeteilt wird, sieht sie von innen ja auch grün aus.

Wir schreiben in Biologiebüchern über Chlorophyll, den Farbstoff, der die Photosynthese bewirkt, und geht man in Hörsäle der Universitäten, in denen Kunst gelehrt wird, so lernen wir alles über Substraktive Farbmischung, also das Mischen von angeblich substanziellen Farbstoffen, z.B. wie aus Gelb und Blau ein Grün wird. Wir gehen in Geschäfte und kaufen uns Tuschkästen, oder fliegen nach Paris, um im Louvre die Mona Lisa zu beschauen, die Leonardo Da Vinci einst aus Farbstrichen zusammen setzte. Auch wissen wir um die Künstler des Impressionismus, die auf die Idee kamen, mit eher gekleksten Grundfarben optische Eindrücke zu schaffen, bei denen die Farbmischung im Gehirn stattfindet, statt auf der Palette.

Googelt man den Begriff Farbe, so erhält man 130 Millionen Einträge zum Thema.

Und was machen wir Menschen? Wir leben damit. Wir leben mit der Täuschung, dass es angeblich substanzielle Farbe gibt.

Stellen wir uns einen Raum vor, in dem sich das Mona-Lisa-Gemälde befindet, nicht nur die Mona Lisa, sondern rechts an der Wand noch 127 unerlaubte Mona-Lisa-Kopien aus China, zudem ist der Boden übersät von geöffneten Tuschkästen, und in Ihrer Hand haben Sie einen Schminkkasten von Maybelline Jade, zu dem Sie kurz vorher den Schminktipp im Fernsehen gesehen haben. Können Sie sich diesen Raum genau vorstellen? Alles in richtiger Reihenfolge, alles an richtiger Stelle?

Dann stellen Sie sich jetzt vor, der Raum hat keine Fenster, keine Tür und insbesondere keinen Lichtschalter. Sie stehen im Dunkeln. Welche Farbe haben die Objekte? Wo ist die Farbe hin? Ist sie im Tuschkasten noch vorhanden?

Prof. Dr. Zeilinger aus Wien – ein Spezialist für Quantenphysik – sagte einmal etwas über die Natur und Ihre Zutaten: Wenn in einem leckereren Hamburger Moleküle sind, die z.B. in Teilen aus Kohlenstoff bestehen, so könnte man die Kohlenstoffatome austauschen, und der Hamburger wäre immer noch exakt der gleiche.

Was Materie offenbar ist, können wir recht gut beschreiben, auch wenn die kleinen Teilchen komische Dinge tun. Ein Atom hat aber keine Farbe, ein Molekül auch nicht, und alles, was größer ist, ebenso wenig.

Dass wir Substanzen mit dem Farbbegriff in Verbindung bringen, ist ja generell nicht falsch. Bestimmte Stoffe haben Eigenschaften, Licht zu absorbieren oder Licht zu brechen. Und die Folge daraus ist, dass nur bestimmte Lichtwellen in unserem Auge landen, wenn wir uns ein Blatt in der Natur beschauen.

Die Farbe ist aber substanziell nicht in der Materie, sondern ein Lichtereignis.

Und genau diese falsche Auffassung haben wir, dass sich in der Materie die Farbe als Substanz befindet, wir, die Milliarden Erdbewohner.

Wenn wir uns stattdessen die Helligkeit beschauen, so ordnen wir diese komischerweise nicht der Materie zu. Helligkeit ist auch so etwas wie ein Lichtereignis. Grob hat die Helligkeit etwas damit zu tun, wie viel Licht im Auge landet. Und wenn wir uns einen Ast in der Natur beschauen, der uns braun erscheint, so ist dieser am Rand dunkler als an der Frontseite. Begründen lässt sich das einfach, weil am Rand des Asts das Licht eher nicht in unser Auge reflektiert wird, sondern stattdessen nach rechts und links. Das Licht an der Frontseite landet verstärkt in unserem Auge.

Mit diesem Sinneseindruck verbinden wir aber nicht, dass es sich um einen Ast handelt, der in seiner Substanz hell oder dunkel ist.

Hell und Dunkel ordnen wir nicht einer Substanz zu, wohl aber Farbe.

Und wir leben mit dieser Farbtäuschung, obwohl jeder Siebtklässler weiß, dass Farbe ein Lichtereignis ist.

Verankert

 

Vielleicht ist unsere Einstellung zu Farbe auch genetisch mittlerweile verankert, weil der Urmensch – in Unkenntnis über Lichtstrahlung – natürlich davon ausgehen musste, dass Substanzen eine Farbigkeit haben, und sich diese stetige Information im Menschen manifestiert hat.

Die Farbinformation hat eine wichtige Bedeutung für den Menschen. An der Farbe erkennen wir, ob Essen gut oder schlecht ist. Wenn das Fleisch eines Lachses eine kräftig rosarote Farbe hat, so kann man sich recht sicher sein, dass es gut und nicht verdorben ist. Wenn es hingegen grau oder grünlich ist – bzw. auch nur verschiedene Farben aufweist – dann wissen wir, dass der Lachs schlecht ist.

Wenn ich nun etwas im vorigen Kapitel darüber geschrieben habe, dass Farbe substanziell nicht innerhalb von Gegenständen, sondern stattdessen ein Lichtereignis ist, so wissen Sie das jetzt. Wenden Sie Ihr Auge aber vom Buch ab und schauen auf das Buchcover, so werden Sie meinen, dass es in seiner Substanz grün ist.

Unser Farbbewusstsein – bzw. vielmehr unsere Farbtäuschung - können wir nicht ablegen.

Der Goldfisch im Glas müsste auf jeden Fall Michael Jacksons „You are not alone“ singen, denn wir Menschen leben selbst diese Farbtäuschung, zeigen mit dem Finger aber auf den Goldfisch, dem wir eine verzerrte Wahrnehmung der Realität zuschreiben.

 

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